Muttergebundene Kälberaufzucht

 

 

 

Muttergebundene Kälberaufzucht…

 

Was heißt das bei milchproduzierenden Systemen?

 

Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht haben die Kälber über einen Zeitraum von mehreren Monaten Kontakt zu ihren Mutterkühen oder zu Ammenkühen, die mehrere Kälber säugen. Sie werden zweimal täglich entweder vor oder nach dem Melken zu ihren Müttern gelassen, damit sie dort saugen können. Alternativ sind sie ganztägig bei einer Ammenkuh, die dann mehrere Kälber säugt.

 

Viele Menschen meinen, dass so weder Kuh noch Kalb einen Trennungsstress ausgesetzt ist. Dem ist jedoch nicht so – der Zeitpunkt verschiebt sich jedoch nach hinten. Ist das ein Vorteil? Nein – denn der Absetzstress ist für Mutter und Kalb größer als beim frühen Trennen am ersten Tag. (Quelle: https://www.fibl.org/…/1575-muttergebundene-kaelberaufzucht… - Seite 7)

 

"Ein Blick in natürliche Herden zeigt: Die Mutter hat nicht von Anfang an eine Bindung zu ihrem Kalb. Wird ein Kalb tot geboren, nehmen das die meisten Kühen verhältnismäßig gleichgültig hin. Das ist auch der Grund, warum die Trennung von Kuh und Kalb direkt nach der Geburt relativ problemlos funktioniert." Zitat Schloss Tonndorf (muttergebundene Kälberhalter).

 

Was meinen unsere Experten?

 

Heike: Wir haben es in unserem Laufstallbetrieb vor über 20 Jahren probiert mit der muttergebundenen Aufzucht. Es hat nicht funktioniert, gab ständige Unruhe im Bestand. Seitdem trennen wir Mutter und Kind nach wenigen Stunden. Es ist Ruhe im Betrieb (ganz selten brüllt mal eine Kuh ihrem Kalb hinterher) und Ruhe im Kälberstall. Bei uns ist der Kälberstall 1 km vom Kuhstall entfernt, so dass es auch hygienische Vorteile hat, diese Trennung vorzunehmen (Unterbrechen von Infektionsketten). Seit einigen Jahren haben wir allerdings für die Kälber keine Einzelboxen mehr, sondern sie kommen in Gruppenbuchten. Seither kann man dann zwar das Kolostrum der Mutter nicht mehr an das eigene Kalb genau zuordnen (bzw. man versucht es, aber die Kälber drängeln sich auch gern mal weg), aber das ist unbedeutend, da jedes Kalb das Erstkolostrum von der Mutter schon intus hatte. Ich kenne auch größere Betriebe, die das so praktizieren und wo es gut läuft. Aber es gibt auch Betriebe, bei denen das nicht funktioniert hat. Es kommt immer auf den Einzelbetrieb und auch auf das Personal an.

 

Roswitha: Wir haben es auch über Jahre so gehandhabt, dass die Kälber mindestens 24 Stunden bei den Müttern blieben (teils vielleicht auch, weil unsere Feriengäste das einfach "besser" fanden). Negative Ergebnisse gab es genug: im Laufe der Jahre einige Kälber, wo sich die Mutter drauf gelegt hat trotz sehr großer Strohbox, wo sie auch in der Regel schon eine Weile vorher drin sind; ein Kalb mussten wir einschläfern, weil die Mutter ihm wohl auf die Schulter getreten ist; mehrere Kälber, wo wir gedacht haben, sie trinken gut an der Mutter, mit viel Mühe dann aufgepäppelt, weil es wohl doch nicht so war... vor allem bei Erstkalbinnen Probleme, dass sie zwar das Kalb ans Euter ran lassen, aber uns dann gar nicht mehr gerne, vor allem haben gerade diese Tiere sehr oft die Milch aufgehalten. Bestes Beispiel für mich war immer noch unsere "Dickie", die aus der Abkalbebox nachts im Dunkeln ausgebüxt ist, nach draußen marschiert ist, ihr Kalb neben einem leeren Iglu "abgelegt" hat und wieder in die Abkalbebox zurückgegangen ist...

 

Michael: Ich würd mich da nicht ran trauen! Ich merke es jetzt am Roboter. In kritischen Phasen (Sommerhitze z.B.) bekommen Kühe, die einmal nicht sauber ausgemolken sind, sofort Probleme mit dem Zellgehalt und diese Kühe wären ja ständig nicht sauber ausgemolken. Der Zellgehalt ist ein Indikator für die Eutergesundheit. Der Kontakt des Kalbes (auch des Melkzeuges oder der Melkerhand) mit der Kuh stimuliert den Milchfluss. Diese Milch ist dann im Euter und muss, falls nicht abgemolken, vom Stoffwechsel der Kuh abgebaut werden. Dadurch sinkt nicht nur die Milchleistung, sondern die Kuh wird mit 100 %-iger Sicherheit krank.

 

https://www.facebook.com/fragdenlandwirt/posts/497740963720361

 

Birgit: Bis die Kuh dann gemolken wird, dauert es ja auch noch eine Weile. So lange hat sie dann ja auch "Druck" auf dem Euter. Lässt man das Kalb erst hinterher ran, dann nuckelt das Kalb ewig am leeren Euter. Das ist mit Sicherheit auch nicht angenehm. Deshalb hat für mich die muttergebundene Aufzucht auch mehr Nach- als Vorteile, und ist in meinen Augen nix halbes und nix ganzes.

 

Andrea: Ich halte es prinzipiell nicht für unmöglich, auch aus hygienischer Sicht nicht. Es ist nur in kleinen oder kleinsten Beständen möglich. Das "Problem" der Trennung wird nur verschoben, nicht aufgehoben. Ich kenne keinen Betrieb, der es bei einer Leistung von 8000-10000 l mit Holsteins macht. Ich denke, das ist die falsche Rasse für sowas. Man braucht viel Personal, die Kälber werden direkt vor dem Melken - also nur zweimal täglich, von wegen "frei" - zu den Müttern geführt und dürfen dort saugen.

 

Wenn Ihr weitere Fragen zu diesem Thema habt – gerne. Schreibt uns einen Kommentar oder eine Mail.

 

 

 

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